16.03.14 Lärmghetto

BI WIDEMA :

Drohen Raunheim, Flörsheim und Hochheim das totale Lärmghetto-Schicksa
l?

Das Urteil zur Südumfliegung hat eine große Verunsicherung gebracht. Es geht nun darum, wer das neue Hauptopfer werden soll. Fluglärm ist leider nicht so zu optimieren, dass es keine Verlierer gibt. Um neue Verlierer ging es bei der Klage. Ein in seltener Offenheit geäußerter Satz vom Anwalt der Kläger macht dies deutlich: "Ziel der Kläger sei eine Beibehaltung der bestehenden Nord-West-Abflugroute." So äußerste sich Bernhard Schmitz in der Frankfurter Rundschau. Also noch eine Schippe drauf auf die Schwerstbelasteten entlang der Nordwest-Abflugroute. Selten wurde dieses Ziel so klar in aller Offenheit verlautbart. Widersprochen wurde dieser Aussage nicht. Zahlreiche, offensichtlich finanzstarke Gemeinden sind aus dem solidarischen Kampf gegen den Flughafen ausgeschieden. Dafür wurden sogar teure Gutachten in Auftrag gegeben. Anwalt Schmitz weiter: "Wir haben eine sichere Alternative für ein Fehlanflugverfahren vorgelegt, die es ermöglichen würde, dass die Nordwest-Abflugverfahren auch weiter genutzt werden. Diese könnten dann unabhängig von den Landungen auf der neuen Nordwestbahn betrieben werden."

Gelegentlich wird zwar behauptet, die Klage diene insgesamt dazu, den Planfeststellungsbeschluss zu kippen und damit den Ausbau rückgängig zu machen. Hier ist äußerste Skepsis angebracht: Die Flugrouten sind zwar erörtert worden, sind aber nicht bindender Bestandteil des PFB. Somit wird die gewonnene Klage kaum den Ausbau gefährden.

Das Urteil zur Südumfliegung entpuppt sich nicht als Erfolg in der Sache insgesamt, sondern als Versuch, Lärm zu Lasten Schwerstbelasteter zu verschieben. So sieht keine Solidarität aus. Es war immer ein gutes Prinzip der WIDEMA bei Vorschlägen zur Routenoptimierung, so zu verfahren, dass Schwerstbetroffene in anderen Regionen nicht noch mehr Fluglärm bekommen.

Die Gefahr, dass Teilbereiche angefangen von Eddersheim über Weilbach, Flörsheim, Wicker, Massenheim, Hochheim und deren weitere Umgebung, hier insbesondere Raunheim unbewohnbar werden, ist hoch. Auch wenn in der Presse zu lesen war, dass die alte Nordwest-Linie nach Ansicht des Gerichts nicht als Alternative geeignet sei, bleibt doch fast alles offen. Insbesondere ist auch die Variante 4, die einen längeren Geradeausflug bei Starts vom Parallelbahnsystem zum Inhalt hat, noch lange nicht vom Tisch. Es wird im Urteil zur Südumfliegung nur ausgeführt, dass die Entscheidung der Beklagten nicht zu beanstanden wäre, die Variante 4 aufgrund der Umweltunverträglichkeit nicht weiter zu berücksichtigen. Man kann davon ausgehen, dass diese unselige Variante wieder in die Liste der Schreckensszenarien aufgenommen worden ist. Auch gegen die Empfehlung der Fluglärmkommission ist eine Entscheidung pro Variante 4 möglich: Denn:Für die Deutsche Flugsicherung ist die Variante 4 die einfachste Lösung.

Für die Fluggesellschaften ist die Variante 4 die wirtschaftlichste aller Varianten.

Der Süden und Rheinpfalz würden befriedet. Zwar stiege die Anzahl der Hochbelasteten noch weiter. Allerdings kriegen so auch viele jetzt schon Hochbelastete noch eine große Schippe Lärm mehr mit. Das taucht in den einschlägigen Zahlen gar nicht mehr auf, da in der Regel nicht weiter nach der Schwere der Belastung bei den Höchstbelasteten unterschieden wird. Dies entspricht einer unseligen Bündelungsstrategie, wie sie schon lange verfolgt wird: Relativ wenige Bürger werden schwerstbelastet, um bei dem Großteil der Bevölkerung den Eindruck zu erwecken, der Fluglärm wäre gar nicht so schlimm. Die Südumfliegung wäre auch schon vor dem Ausbau möglich gewesen. Dies wurde von der WIDEMA bereits 2000 ins Gespräch gebracht, war aber damals offensichtlich nicht erwünscht.

Gegen die Phalanx der Südumfliegungsgegner steht die hohe Anzahl der Schwerstbelasteten in Raunheim, Flörsheim und Hochheim und Umgebung. Und übrigens auch der Vorsitzende der Fluglärmkommission und Bürgermeister von Raunheim, Herr Jühe, dem man zumindest dahin gehend Glauben schenken kann, die Situation einschätzen zu können und der sich ähnlich skeptisch gegen die Kläger wendet. Im Übrigen muss es auch nicht Variante 4 sein. Genauso kann es sein, dass man durch ein früheres Abknicken Richtung Norden noch 1 bis 2 Kilometer Geradeausflug und damit Direktüberfliegung größerer Wohnbereiche einsparen kann.

Ein Schreckensszenario hierzu:
Mal angenommen, die bestehenden Abflugbahnen Richtung Nordwesten bleiben. Über eine leichte Verschiebung des ersten Abdrehpunkts in Richtung Westen wird die Unabhängigkeit der Bahnen sichergestellt. Dies hätte zur Folge, dass die startenden Flieger Raunheim und Flörsheim tangieren bzw. direkt überfliegen. In der Folge würden auch Teile von Hochheim direkt überflogen. Das würde bedeuten: 365 Tage massivster Lärm im Jahr. Und zwar mit zwei unterschiedlichen Qualitäten: Die Lärmsituation bei Westwind ist eine andere als bei Ostwind: es sind zwar deutlich weniger Maschinen, aber die haben es in sich. Jeder, der bis zur Eröffnung der Landebahn in Wicker oder Bad Weilbach gewohnt hat, weiß was es bedeutet, wenn schwere vierstrahlige Maschinen direkt Ziel auf den Ort nehmen und dann mit vollem Schub über die Ortschaften donnern. Durch die Höhe der Flieger sind zwar Wirbelschleppen unwahrscheinlich, die Lautstärke kann bis zu 100 Dezibel erreichen. Da vibriert schon mal das ganze Haus.

Und es wird höchstwahrscheinlich nicht so bleiben, wie es vor der Eröffnung der Landebahn war. Denn es ist ja ein deutliches Wachstum für die nächsten Jahre geplant. Dafür sorgt die Fraport gerade durch ein Anreizprogramm. Wachstum und der Einsatz von schweren Maschinen werden den Lärmpegel somit noch weiter nach oben treiben. Also pausenloser Lärm von 5:00 bis 23:00, der sich nur in der Lautstärke und in der Anzahl der Flugbewegungen unterscheiden wird. Ist das die Perspektive für Raunheim, Hochheim und Flörsheim?

Angesichts dieser Situation ist es erstaunlich ruhig in den drei Gemeinden, obwohl die Nordwest-Abflugroute heute schon schleichend mit immer mehr Super-Heavies (Schwermaschinen) und auch mit mehr kleineren Maschinen beschickt wird: Zahlen dazu findet man in Kürze auf der WIDEMA-Internetseite.

Es müssen jetzt alle Entscheidungsträger mobilisiert werden. Es darf nicht sein, dass Raunheim, Flörsheim und Hochheim komplett zum Lärmghetto verkommen.

Vorstand und Beirat WIDEMA e.V.

gez. Joachim Drews Dr. Karsten Oehler